(In memoriam R. und G.)

Der alte Mann und der D-Zug

Der alte Mann wippte mit den Fußspitzen und sah auf seine abgewetzten Schuhe hinunter. Er lächelte still vor sich hin. Was für ein Glück, dachte er, was für ein unbeschreibliches Glück! Fast könnte ich vor Glück zerspringen. Nicht im Traum hätte er daran gedacht, noch einmal in seinem Leben dieses Gefühl zu spüren. Oder hatte er gerade im Traum daran gedacht?
Der Gedanke an SIE ließ sein knittriges Herz schneller und jünger schlagen. Während er sich über sein schütteres Haar strich, -  das erste Mal seit langem wieder frisch gewaschen, - überlegte er, wie er sie persönlich kennen lernen würde. Ob förmlich mit Handkuss oder fröhlich-schüchtern? Würde sie so aussehen, wie er sie bisher gesehen hatte? Wäre ihre Stimme dieselbe? Und vor allem: würde sie tatsächlich kommen?
Flüchtig dachte er an seine Frau. An seine Kinder. Wie würden sie es morgen aufnehmen, wenn er nicht mehr da war? Einfach gegangen. Ohne große Erklärungen. Er schob die Gedanken beiseite, es war ihm zum ersten Mal in seinem Leben nicht wichtig, was seine Familie von ihm hielt.
Er ging zurüc
k in den Hof, goss die schon welkenden Pelargonien und holte einen Lappen, um seine Schuhe zu polieren. Das Abendessen mit seiner Frau verlief wie tagein tagaus und sie schwiegen über den Suppentellerrand. Nach der tagein tagaus Fernsehshow gingen sie wie tagein tagaus zu Bett.
"Ich hab noch was vergessen!" sagte der alte Mann zu seiner Frau und stieg die Treppe hinunter, tappte barfuss in den Hof hinaus und sah zum Himmel. Der große Wagen wurde gerade über die alte Scheune gezogen. Der alte Mann betrachtete die Deichsel und spürte freudige Erwartung aufsteigen. Dann ging er zu Bett. Während seine Frau bereits neben ihm schnarchte, lag er mit offenen Augen da, dachte an morgen, an seine schöne, unbekannte Bekannte und er spürte das Leben so frisch durch die Adern pulsieren, wie schon lange nicht mehr. 

Gegen drei Uhr griff der alte Mann in einer Reflexbewegung an sein Herz und starb.

"Sie kommen spät!" sagte der alte Mann ein wenig vorwurfsvoll. Er saß auf der Deichsel, zwischen Mizar und Alioth, wippte mit den Fußspitzen und sah auf seine polierten, abgewetzten Schuhe hinunter.
"Genau genommen haben Sie mich beinahe einen Monat hier warten lassen. Bei der Bahn hätte es das früher nicht gegeben!" Er traute sich noch immer nicht, den Kopf zu heben, um sie mit all der aufgestauten Neugier zu betrachten.
"Verzeihen Sie, mein Lieber," sagte die alte Frau ein wenig außer Atem, "aber es war gar nicht so einfach! Doch ab nun haben wir unendlich viel Zeit..." 
Ihre Stimme klang genau so, wie er sie in seinen Träumen hatte sprechen hören. Das gab ihm Mut sie anzusehen und so hob er den Kopf. Sie gefiel ihm noch besser als in seinen Träumen. Er war überrascht über ihr anmutiges, offenes Gesicht, ihre grazile Gestalt. Verblüfft stellte er fest, dass  ihr Herz leuchtete. Er rutschte ein wenig zur Seite und machte ihr Platz auf der Deichsel. Dann nahm er ihre Hand und drückte unbeholfen einen Kuss darauf. Der erste Handkuss meines Lebens, dachte er gerührt.
Sie kicherte ein wenig und rückte näher an ihn heran.
"Wissen Sie," fuhr sie fort, "ich habe Sie in Ihrer Anleitung womöglich missverstanden. Sie sagten mir, es wäre ganz einfach, das Herz stehen bleiben zu lassen."
Er sah sie von der Seite an, während er zögernd ihre Hand nahm.
"Ich dachte, Sie hätten so gefühlt wie ich. Als Sie mir das erste Mal begegneten, da glaubte ich, mein Herz würde vor Freude und Glück zerspringen. Ich fühlte Liebe, wie sie mir mein ganzes Leben da unten nicht begegnet ist."
"Doch mein Lieber, ich habe Sie gespürt! SIE und diese aberwitzige, herzzerreißende Liebe..."
"Sehen Sie!" rief er mit glühenden Wangen. "Beinahe hätte es mir schon bei unserem ersten Traum-Rendezvous das Herz gebrochen. Aus Sehnsucht nach Ihnen und aus Trauer, dass wir uns nie begegnen würden. Ich wäre an gebrochenem Herzen gestorben und Sie früher oder später auch. Ich wollte aber, dass mein Herz vor Glück zerspringt. Sie verstehen den Unterschied?"
Die alte Frau nickte und lächelte.
"Wie recht Sie haben! Erst durch Sie spürte ich wieder etwas schlagen in meiner Brust. Nie hätte ich geglaubt, dass es in meinem Alter noch etwas gäbe. Etwas, das meine Sinne betört, meine Leidenschaft anfacht, mein Blut zum Kochen bringt. Ich hatte da unten schon mit mir abgeschlossen, wie eine lebende Tote. Der Mann - durch die Jahre abhanden gekommen, der Sohn -  lange aus dem Haus. Der Platz im Altersheim - angezahlt und reserviert. Und was dann?"
Der alte Mann lächelte vor sich hin. "Was macht es für einen Unterschied, in einem Heim vergessen zu werden, oder in einem Kaff, wo sich Fuchs und Hase verabschieden? Meine Söhne teilten schon heimlich den Hof untereinander auf. Zeit hatten sie nie. Weder für uns alte Eltern noch für ihre Frauen und Kinder. Aber der Zug, auf dem ich jahrzehntelang unterwegs war, fuhr ebenfalls in die falsche Richtung."
Er seufzte leise, schwang sich von der Deichsel und reichte ihr beide Hände, um ihr herunter zu helfen. 
"Kommen Sie, meine Liebe, es ist Zeit! Der große Wagen ist zwar kein D-Zug, dafür wird unsere Reise umso spannender werden!"

Brigitta Mathes

Zurück in die Bibliothek

© 2000 by Brigitta Mathes. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.