Blauäugig

   Endlos zog sich der Kreisverkehr. Ausfahrt nach Ausfahrt nach Ausfahrt driftete ab, kein Sog spuckte Mariannes Auto auf eine der Ausfallsstraßen aus. Marianne umklammerte das Lenkrad, mit Gewalt drückte sie den Blinker nach rechts, dann das Rad. Endlich. Das Schreien der Schweine wurde leiser. Die hohen, angsterfüllten Töne wurden von den hohen, synthetischen Tönen aus dem Radio überlagert. Dann verschwanden sie wie der LKW in Richtung Schlachthof. Marianne schloss eine Sekunde die Augen. Da waren sie wieder: diese blauen Augen...
   Erste Liebe. Er war siebzehn gewesen und sie elf. Er war der älteste Sohn eines Bauern gewesen und sie eine von denen aus der Stadt. Ihm hatte man die Aufsicht der Stadtkinder übertragen, sie blieb von ihm geduldet. Manchmal erinnerte sie sich an seinen Namen. Franz? Oder Hans? Oder Peter? Marianne sprach nicht gern darüber. Jetzt nicht. Und früher schon gar nicht. Es erschien ihr lächerlich von einer ersten Liebe zu sprechen, die sie mit dem Abstand der Jahre als Schwärmerei durchgehen lassen könnte. Was war schon Großartiges passiert, dass dieser Bauernbengel das Prädikat "Erste Liebe" verdiente?


   Sie waren auf einer hohen Steinmauer gesessen. Manchmal erinnerte sich Marianne daran, als sei es gestern gewesen. Sie hatte ihre Beine nicht stillhalten können... wie ein Pendel übertrugen sie den Rhythmus ihres aufgeregten Kinderherzens. Er war neben ihr gesessen - nahe genug, um seinen Geruch nach Heu und Mist wahrnehmen zu können - und hatte ihr von der harten Arbeit im Weinberg erzählt. Vom Traktorfahren und vom Pressen. Von den Schweinen, Hühnern und der Stallarbeit. Mariannes Wangen glühten in der Abendsonne.

   Sie waren gemeinsam mit dem Traktor gefahren, den er gelenkt hatte. Marianne schämte sich noch heute für das hellblaue Kopftuch, das man ihr vorsorglich umgebunden hatte. Kleine Kinder brauchten Kopftücher zum Schutz der Ohren. Und Bauersfrauen. Sie war kein kleines Kind mehr. Und als Bäuerin hätte sie kein Kopftuch tragen wollen.

   Sie waren im stillgelegten Presshaus gewesen und er hatte den Stadtkindern das Eierpecken beigebracht. Den modrigen Geruch des Presshauses hatte sie abends ins Bett mitgenommen, genauso wie die bunten, speckigen Finger und das angeknackste Ei. Nur ihr hatte er den Geheimcode erklärt. Die roten Eier müsse man treffen, das wäre der Schlüssel zum Herzen der Angebeteten. Das eine - rote - Ei, das er getroffen hatte, war ihres gewesen.

   Sie hatte ihm helfen dürfen - als einzige der Stadtmädchen. Beim Füttern der Schweine. Sie hatte versucht, ihre Scheu vor diesen Tieren zu überwinden, ihm zu Liebe. Sie wollte von ihm nicht ausgelacht werden. Dass sie Angst vor dem Gequieke hatte, vor dem lauten Grunzen und dem Getöse, weil alle Schweine aufsprangen, wenn jemand den Stall betrat. Immer mit dem Rücken der Wand entlang, das konnte dennoch nicht schaden. Die Belohnung wartete im Saustadl. Hier war es wärmer und ruhiger. Unter einem riesigen Rotlicht tummelten sich winzige, hellrosa Ferkel. Er hatte ihr erlaubt, dem Kleinsten einen Namen zu geben. Das sei so üblich, denn das kleinste Ferkel müsse man immer mit der Flasche aufpäppeln. Marianne sehnte den Tag herbei, an dem sie selbst die Flasche ihres Peterle halten dürfte.

   Dann kam der letzte Tag der Ferien. Marianne hatte vergeblich beim Frühstück nach ihm Ausschau gehalten. Sie traute sich aber nicht, nach ihm zu fragen. Sicherlich wäre sie dabei rot geworden. Sie würde auf den Abend warten. Geduldig. Da war das großes Fest im Dorf.

    Sie hatte ihre Sachen gepackt und war dann in den Hof gegangen. Es war kurz vor Mittag. In der Mitte des Hofes stand ein Gerüst, an dem hing ein riesiges Schwein. Rosa. Nicht so verdreckt wie in den Kobeln. Darunter stand ein Trog, in den Blut rann. Die Schürze des Bauern war ebenfalls voll Blut. Marianne konnte nicht erkennen, dass die Kehle des Tieres geöffnet war, deshalb starrte sie abwechselnd auf das blutende, rosa Schwein,  den Trog und den Bauern. Schließlich blieb ihr Blick an den starren Augen des Tieres hängen.
   "Was schaust denn so, Mäderl?" rief ihr der Bauer zu, "Was glaubst denn, wo dein Schnitzerl herkommt?" Und er setzte ein riesiges Messer am Schweinebauch an. Als seine Goldzähne aufblitzten, machte Marianne kehrt und lief so schnell sie konnte davon.

   Franz oder Hans oder Peter - Marianne wusste es nicht mehr so genau - war am Abend mit den Mädchen vom Dorf zum Fest gegangen. Nichts für kleine Kinder, hatte er zu ihr gesagt. Marianne weinte an diesem Abend ihren Polster nass.

    Zu Mittag daheim - es war ein Sonntag - , saß Marianne stumm vor ihrem Schnitzel und rührte es nicht an. "Kind, warum isst du nicht?" wurde sie gefragt.

"Es hatte doch so schöne blaue Augen, das Schwein!"

Brigitta Mathes

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