Canyons of my mind
Kommen Sie doch herein. Ja, SIE! Natürlich meine ich Sie!
Ich kann Sie zwar nicht sehen, aber ich spüre, dass Sie
da in der Tür stehen. Unschlüssig. Sie haben gerade
einen Fuß in die Tür gesetzt, die Hand noch auf der
Klinke, ebenso unschlüssig.
Ich frage mich, ob Sie rein zufällig
an meine Tür geraten sind. Schauen Sie aus Neugier hier
herein? Oder hat man mich Ihnen empfohlen? Schau doch bei
dem einmal vorbei, ein heißer Tipp. Nein, nein: Tipp,
nicht Typ. Ich bin kein heißer Typ, vielleicht war ich
einmal einer.
Das werden Sie ja auch bestätigen
können, wenn Sie mich so ansehen. Ah ja, richtig,
beinahe hätte ich es vergessen: Sie können mich ja gar
nicht sehen. Ein bisschen Ironie liegt schon drin: ein
Voyeur, der nichts sieht. Sie können mir also nur zuhören.
Falls Sie noch wollen. Oder gehen. Auf alle Fälle schließen
Sie doch bitte diese Tür, egal ob von innen oder von außen.
Gut. ich weiß jetzt,
dass Sie
dageblieben sind. Sie lehnen dort im Halbdunkel, ich höre
Ihren Atem, ein bisschen unruhig. Sind Sie die Treppen
heraufgelaufen, oder ist es Ihre Neugier, die Ihren Puls
beschleunigt? Egal, Sie wollen es also wissen.
Natürlich hätten Sie mich
nicht so eingeschätzt, so wie ich hier an diesem Fenster
lehne. Es ist dieselbe graue Designerhose von heute Früh,
nur das Sakko habe ich ausgezogen. Zugegeben, das Hemd
habe ich gewechselt, nur noch nicht zugeknöpft. Die
Krawatte baumelt um den Kragen, ich bin barfuss. Ein
halber Manager also.
Wollen Sie was trinken? Whisky?
Bourbon? Leider alles lau.
Ich stehe schon seit einiger Zeit hier am Fenster. Hotels
sind mein zweites Zuhause. Dieses Fenster unterscheidet
sich etwas von den anderen, hohe Flügel, der Lack blättert
ab. Obwohl es eine der feinsten Adressen in dieser Stadt
ist. Die Atmosphäre ist faszinierend.
Lichter blinken in der Dämmerung,
der Südwind trägt die Rush-hour bis zu mir hoch... und
dann dieser Geruch.....Sie wissen schon, er ist schwer zu
beschreiben. Sie nehmen ihn auf, saugen ihn ein, und er lässt
es in Ihrem Bauch kribbeln. In meinem Bauch kribbelt es
schon länger und Sie wollten eigentlich wissen warum, stimmt's?
Sehen Sie jetzt einmal genau hin, es liegt auf dem
Fensterbrett. Ultraklein, ultraleicht, schwarz, still.
Sein apfelgrünes Display lacht mich frech an. Am
liebsten würde ich es jetzt ermorden.
Es wäre ganz einfach. Ich bräuchte
es nur aus dem 3. Stock zu werfen. Es würde auf dem
Gehsteig aufschlagen und in seine verdammten Einzelteile
zerspringen. Aber es würde auch ihre Nummer in sein
elektronisches Grab mitnehmen.
Ja, Sie hören richtig: es ist meine einzige Verbindung
zu ihr. Vorhin habe ich sie aus ihren Träumen geholt, am
anderen Ende der Welt sozusagen.
Sie, die ihr "hallo?" schlaftrunken in mein Ohr
haucht. Ein einziges "hallo?" und mein Schwanz
bezieht Stellung.
Hab´ ich dich geweckt? Das
wollte ich nicht! (Gelogen. Was gäbe ich darum dich zu
wecken, an deinem Ohr, ohne meinen kleinen, schwarzen
Mittelsmann) Du hast nicht mehr geschlafen, versicherst
du mir. Aber du liegst noch im Bett, kuschelig, warm, träge
und geil.
Du hast gerade an mich gedacht, versicherst du mir. Dein
leichter Seufzer fährt wie ein Stromstoß in meine
Lenden. Du hast Sehnsucht nach meinem Ständer,
versicherst du mir. Ich befreie ihn für dich aus seinem
Gefängnis. Was machst du mit deiner freien Hand? (Auch
ich bin ein blinder Voyeur, wie Sie!) Du lachst, und es
klingt wie das freche Lachen meines Handys, wenn es still
ist. Lach nicht, bettelt mein strammer Freund, sag mir
was du tust.
Sprichst du jetzt absichtlich so
leise? Komm, sag es mir! Erzähl mir alles. Wonach du
riechst, wie du schmeckst, wie sich deine Haut anfühlt.
Du riechst noch nach Issey Miyake sagst du. (Was gäbe
ich jetzt darum, dein kleiner Japaner zu sein, ich würde
dich von Kopf bis Fuß einhüllen, wie er.) Du schmeckst
nach dir, sagst du. (Was gäbe ich jetzt darum, mit
meiner Zunge jeden Zentimeter deines Körpers zu
erschmecken.)
Nimm meine Hand, sagst du.
Sie fährt über dein Gesicht,
zeichnet die Kontur deines Mundes. Du küsst meine
Fingerspitzen, lädst sie ein, ein wenig zu bleiben. Aber
sie wollen weiter deinen Körper erforschen, den Hals
entlang, über das Schlüsselbein. Du schnurrst wie eine
kleine Katze, räkelst dich, während ich die Hand
zwischen deinen kleinen Hügeln abwärts gleiten lasse.
Die steifen Nippel drängen sich mir entgegen, dein leise
Stöhnen schießt ungestüm in meinen Schwanz.
Du windest dich unter der Hand,
die sich weiter abwärts tastet. Aber sie wählt noch den
Umweg über deine Schenkel. Dein Atem ist heiß und
unruhig. Du ziehst meine Hand ungeduldig in dein feuchtes
Paradies. Ich kann mein Stöhnen nicht unterdrücken und
will es auch nicht. Du machst mich so heiß, baby!
Hör nicht auf, mach weiter so,
flüstert deine Stimme. Keine Sorge, ich kann sowieso
nicht anders.
Ich spüre deine Hand unter mein
offenes Hemd gleiten, sie ist kühl wie der Abendwind,
der stoßweise beim Fenster hereinweht. Deine Zunge an
meinem Hals. Die kühlen Finger massieren meine
Brustwarzen. Ich dränge mich an dich, drücke dich gegen
die Fensterbank, mein harter Freund würde dich am
liebsten gleich aufspießen. Die kühlen Hände wandern
abwärts, öffnen Gürtel und Reißverschluss.
Er drängt sich vor wie ein
ungehobelter Kunde an der Supermarktkasse. Du lachst nur,
aber am Klang erkenne ich, dass du gleich kommst. Ich
sehe es auch am verräterischen Glitzern in deinen Augen.
Ich hebe dich aufs Fensterbrett.
Ja, komm endlich, komm! flüsterst du an meinem Ohr.
Ich spüre dein Vibrieren, dein
Zucken. Dein Seufzer jagt mir die Gänsehaut über den Rücken.
Du musst dich am Fensterrahmen abstützen, damit ich dich
nicht aus dem 3. Stock bumse. Du bäumst dich auf, dein
Stöhnen an meinem Ohr bringt mich fast um dem Verstand
und ich komme gleichzeitig mit dir. Noch ein kleiner
Seufzer, ein kleines Nachbeben in deiner Stimme.
Denk noch ein bisschen an mich, ich wünsch dir einen schönen
Abend! sagst du.
Ich wünsch dir einen schönen
Tag, baby! Auf bald!
Sehen Sie, und jetzt ist da
diese undefinierbare Sehnsucht, diese verdammte Leere.
Ich kenne sie nicht.
Ich kenne nicht einmal ihren Namen.
Ich kenne nur ihre Stimme, und sie ist die vertrauteste
und geilste, die ich jemals gehört habe. Der Zufall hat
mir ihre Nummer in mein Handy gespielt. Das war vor ungefähr
einem halben Jahr.
Und jetzt werde ich mich
anziehen, hinunter gehen und mich mit dieser netten,
kleinen Blonden zum Abendessen treffen. Ich werde sie mit
auf mein Zimmer nehmen, sie gepflegt bumsen und vor dem
Frühstück verabschieden.
Und ich werde wieder einmal feststellen, dass keine so
spricht, seufzt und stöhnt wie sie.
Ich habe ihre Nummer nirgends
notiert, sie ist nur in meinem Handy gespeichert.
Ich bräuchte es nur aus dem 3. Stock zu werfen, und der
lächerliche Spuk hätte ein Ende.
Brigitta Mathes
´Canyons` wurde in der
Publikation "Namen und Gesichter"/Literaturhaus Nieder-
österreich im Dezember 1999 veröffentlicht. Der Text wurde zudem von
Reimund Neufeld vertont und dem dt. Schauspieler Markus Kiefer auf CD
produziert. (Erhältlich auf Anfrage)
©
1999 by
Brigitta Mathes. Unerlaubte Vervielfältigung
oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.
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