Engel mit
Vanillekipferln
Sie hatte es sich so
großartig vorgestellt.
"Kinder," hatte sie zu ihren Kindern
gesagt, "Kinder, heuer spenden wir zu Weihnachten nicht für die
Dunklen, wer weiß ob das ankommt. Auch nicht für die Mission in
Afrika. Die kennen eh kein Weihnachten, wozu also gerade jetzt
spenden? Heuer zeige ich euch, dass unsere Spende lebt."
Ihre beiden Söhne hatten sie verständnislos angesehen, aber dann
genickt. Wenn es danach zum Shopping ging?
Sie war froh, dass
die beiden den erzieherischen Aspekt ihrer Idee nicht witterten. Aber
in Anbetracht der Wunschlisten, die sie ihr schon im Oktober an die
Pinnwand geheftet hatten, fand sie ihren Gedanken ausgezeichnet. Ein neues Handy,
eine neue Schiausrüstung, viele Spiele für den PC und ausreichend
Kohle für den Kleinen; ein neues Handy, eine neue Schiausrüstung, ein
Auto - zwar gebraucht, aber nicht älter als 3 Jahre und natürlich
Marke Golf. Das waren die Wünsche des Großen. Und täglich kamen neue
Wünsche hinzu. Sie hätten es sich zwar leisten können, - das schon - ,
aber ein bisschen Bescheidenheit war doch angesagt...?
Sie hatte
beschlossen einem der Obdachlosen, die in den U-Bahnstationen
anzutreffen waren, eine Weihnachtsfreude zu bereiten. Aber womit
konnte man einem dieser abgehalfterten Individuen eine Freude machen?
Alkohol, Zigaretten oder Bargeld, mit denen sie einem Sandler sicher
die meiste Freude gemacht hätte, lehnte sie ab. Schon aus
erzieherischen Gründen. Aber was konnte man jemandem schenken, der
höchstens in der Nacht ein Dach über dem Kopf hatte und seine
Habseligkeiten mit sich tragen musste?
Schließlich hatte
sie eine Idee: Einen Rucksack wollte sie schnüren, voll gepackt mit
Köstlichkeiten und nützlichen Dingen, die ein Sandlerherz erfreuen
würden. Eine Thermoskanne mit Tee, ein Häferl. Dauerwurst,
Streichwurst und Brot, dazu ein kleines Messer. Ein halbes Kilo Äpfel
und ein halbes Kilo Mandarinen. Eine Mütze, Socken und Handschuhe. Und selbstgebackene Vanillekipferl in einer Frischhaltedose.
Welcher Sandler würde schon zu Weihnachten mit Selbstgebackenem
verwöhnt?
Während sie
alles im Rucksack verstaute, dachte sie an den noch ahnungslosen
Glücklichen, den sie allein auswählen würde. Sie stellte sich
seine Überraschung und Dankbarkeit vor, wenn sie ihm mit ihrem
persönlichen Geschenk gegenüberstehen
würde. Und sie spürte die Spitzen von Flügeln aus ihren Schulterblättern sprießen.
"Kinder",
sagte sie am 23. Dezember zu ihren Kindern, "Kinder, heute fahren wir
in die Stadt und überbringen unsere Spende". Das altmodische Wort
"Almosen" kam ihr nicht über die Lippen, und außerdem wäre es für die
beiden sowieso ein Fremdwort gewesen.
Es machte ihr
nichts aus, dass sie jemanden beim Ziehen der Fahrkarten um Hilfe
bitten musste und bei einer anderen Station als geplant ausstiegen.
Schließlich fuhr sie nie mit der U-Bahn. Sie war froh, als sie endlich
den Wagon verlassen konnten. Die drückende Schwüle darin, der Gestank,
die Menschen mit ihren griesgrämigen Gesichtern... Hätten alle diese
Missmutigen eine ebenso ehrenhafte Aufgabe wie ich, dann würden sie
auch lächeln, dachte sie. Als sie auf dem Bahnsteig stand, die Kinder
hinter sich, spürte sie Druck in der Magengegend. Der Sog der
hastenden Menschen rundum zog sie beinahe mit. Ein Fluchtgefühl wollte
sie in Richtung Rolltreppe, hinauf in die Welt der Oberirdischen
tragen. Aber sie widerstand dem Gefühl und ließ ihren Blick über den
fast leeren Bahnsteig wandern. Im 7-Minuten-Takt strömten wieder
Menschen nach unten, ein ständiges Kommen und Gehen in Hast. Aber der
Gesuchte war nicht unter ihnen. Sie wandte sich in Richtung
Rolltreppe, die Kinder im Schlepptau. Ja, in den Zwischenetagen würde
sie ihn antreffen, zwischen Zeitungsständen und WC-Anlagen. Dort wo die
Menschen das Kleingeld locker sitzen hatten und die Chance größer war,
dass etwas für ihn abfiel.
Suchend sah sie
sich wieder um.
Da entdeckte
sie ihn: in einer Gruppe anderer Obdachloser, die abseits standen und
miteinander redeten. Noch konnte sie zurück, sie war in einem
sicheren, weil anonymen Abstand zu ihm. Es fiel ihr schwer, die
Schritte in seine Richtung zu lenken und sie umklammerte den Griff des
Rucksacks. Ihr Herz klopfte laut. Als sie vor ihm stehen blieb,
ignorierte sie die seltsamen Blicke der vorbeihastenden Menschen, sie
nahm auch nicht wahr, dass ihre Söhne stehen geblieben waren. Der
Schweiß lief ihr den Rücken hinunter, als sie ihm den Rucksack
entgegen hielt und mit unsicherer Stimme sagte: "Entschuldigen Sie
bitte, ich habe da ein Geschenk für Sie!" Sie blickte in zwei
freundliche, überraschte Augen, in ein offenes Gesicht. Plötzlich
schämte sie sich.
Für den Rücksack. Zwei Jahre
lang war er im Keller gelegen. Ein Geschenk der Bausparkasse. Auf
dieses Label hatten ihre Söhne keinen Wert gelegt.
Für die
Thermoskanne und das Häferl. Gekauft im Ein-Euro-Shop.
Für die
Dauerwurst, die Streichwurst und das Brot. Alles in Plastik
verschweißt. Für ihre Familie kamen nur Lebensmitteln mit biologischer
Herkunftsgarantie auf den Tisch.
Für die Äpfel und Mandarinen. Wäre
ein Kilo davon nicht angemessen gewesen?
Für die Mütze, die
Socken und die Handschuhe. Hastig und wahllos aus dem Wühltisch der
Sonderangebote gefischt. Bei der Kasse hatte sie sich dafür geniert.
Ach ja: und die
selbstgebackenen Vanillekipferl!? Für die schämte sie sich besonders.
Sie war noch nie
eine gute Köchin gewesen, Weihnachtskekse waren Sache der
Haushälterin. Das erste Blech war ihr angebrannt, weil sie die Zeit
über einem Tratsch mit der Freundin vergessen hatte. Über das zweite
Blech, das gelungen war, hatten sich sofort ihre Kinder hergemacht.
Die angebrannten Vanillekipferl hätte sie sonst nicht einmal dem Hund
verfüttert. Nun lagen sie - kaschiert von etwas Staubzucker - in der
Frischhaltedose.
Kurz spürte sie seine Hände auf ihren.
"Se san ja a
Engerl!" sagte der Mann fröhlich, "i werd´s mit die Kolleg´n teilen!"
Der Sandler umarmte sie herzlich mitsamt dem Rucksack. Und sie spürte das erste Mal
seit langem ein Gefühl von Zufriedenheit.
So großartig hatte sie es sich vorgestellt.
Brigitta Mathes
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