Fluch
der Sonne
Wenn etwas schon 3500 Jahre
vergangen ist, kann es sein, dass man die „mächtigen Zeichen der
Zeit“ nicht beachtet, sie vielleicht sogar verachtet und belächelt. „Mach die Augen zu“,
hatte der Held zur Seherin gesagt, als er zu ihr hinab getaucht war,
um sie zu retten. Vielleicht hatte sie – die lebensmüde und schon
ohne Bewusstsein war – seine Botschaft einfach nicht gehört. Doch
vielleicht war es nicht nur eine Botschaft, sondern eine Aufforderung
– wenn nicht Befehl gewesen. Seherinnen mögen sehend sein
– doch hin und wieder könnte man meinen, sie stellen sich taub. Die
Seherin wollte nicht hören… und sich etwas anschaffen zu lassen,
… da reagierte und reagiert sie heute noch …zickig. In einem anderen Land, in
einer anderen Zeit. Atlantis – versunken. Santorin - ins Meer
explodiert. Unzählige Hexen - auf die Räder der Zeit geflochten… Der
Widerschein des flüssigen Feuers schimmert noch heute in den tiefsten
Träumen der Seherin, 3500 Jahre danach. Die Brandmale der
Scheiterhaufen und das Ertrinken in feurigen Fluten haben in ihrer
Seele – Jahrhundert um Jahrhundert – tiefe Spuren und Leuchtfeuer
in der tiefen Nacht ohne Bewusstsein hinterlassen. Sie weiß, dass es Fenster
und Türen in die längst versunkenen Zeiträume gibt, dort unten
zwischen zwei und drei Uhr früh.
Wenn sie einen dieser dunklen Räume betrifft, zwei mal sieben
Meter, und bis ans Ende des Raumes geht, tief in die Dunkelheit
hinein, lauscht sie dem hohlen Klang ihrer Schritte. Wenn sie den
tiefsten Punkt des Raumes, die Wand auf der anderen Seite erreicht
hat, ist sie gleichzeitig am tiefsten Punkt eines Schachtes angelangt.
Sie muss nur mehr den Blick nach oben richten, um das Gitter zu sehen,
das den Ausgang zur rettenden Oberfläche versperrt. In der
Horizontalen an die Vertikale genagelt. Ertrinken im wasserleeren,
luftvollen Raum. Ihr Herz klopft rasend, der
dunkle Schacht zieht sich eng um ihren Brustkorb, der Lichtschein am
Ende des Ganges, un- erreichbar über ihr. Keine Bewegung mehr möglich
in den erschlafften Gliedern, die goldenen Sonne der Seherin schwebt
an die Oberfläche, dem gleißenden Licht zu. Nur die starken Arme, der
rettende Atem des Helds mischen sich als Hauch, als Abdruck über Zeit
und Raum in ihre Erinnerungen…. „Mach die Augen zu!“ Die Seherin hatte die goldene
Sonne sofort wieder erkannt. Der rötliche Stein, die harten Zacken
der Strahlen – ein kraftvolles Symbol, ein machtvolles Werkzeug.
Die Seherin bot ihrem Werkzeug nicht die Stirn – das sehende
Auge sollte nicht geblendet werden vom Glanz. Sie trug es als
Erkennungszeichen, ihr Brandmal der Seele, nicht das ihrer Haut. Würde
der Held sie wieder erkennen? In 3500 Jahren hatte sie
vergessen, dass ihre Gabe auch Fluch war. In den Augen fremder Helden
zu lesen, hatte sie schon im kleinen Hexeneinmaleins gelernt. Ein
Spiel für sie, obwohl es dafür Regeln gibt. In 3500 Jahren hatte sie
vergessen, dass Seherinnen und Hexen zwar verwandt sind, doch
ihresgleichen gern zu Machtspielen herausfordern. In 3500 Jahren hatte sie
vergessen, dass die Werkzeuge der einen nicht die Werkzeuge der
anderen sind. Goldene Son- nen um zu sehen, Hexenbesen um zu reiten…
doch wehe, so ein Besen fängt Feuer an einem vorhergesehenen
Vulkan…. Besen, Besen, sei´s gewesen…nicht nur Ikarus stürzte
mit brennenden Flügeln ins Meer. Geschmückt mit der Sonne ließ
sich die Seherin gerne verleiten, ein weiteres Signum ihrer Gabe zu
erwerben: die goldene Doppelspirale… und nun, zu verlockend das
Spiel, wieder zu sehen…. Unerklärlich die Unruhe, die
sie noch vor Mitternacht befallen hatte! Ahnte sie denn nicht, dass
die Schlüssel zu jedem Sternentor nur zu einem bestimmten Zeitpunkt
ins Schloss passten, um zu… öffnen? Um zu… sehen? Der Wind trägt alle Bedenken
fort. Der Held ist so machtvoll in
ihr Leben zurückgekehrt, dass sie in seinen Augen nur die eine Seite,
die lichtvolle, die lust- volle, lesen kann. Die Unruhe hätte sie davon
abgehalten, die Räume der Träume zu betreten, hätte sie davon
abgehalten, sich dem Schlaf anzuvertrauen, der sie in den dunklen Raum
des Vergessens tragen würde, wie eine wehrlose Beute. Doch das Rufen der fernen
Stimmen aus Atlantis und Santorin drang an ihr williges Ohr, übertönte
sein „mach die Augen zu!“ Die Sonne der Seherin in
ihrer linken Hand, so bezahlte sie den Fährmann für die nächtliche
Überfahrt. Das Brennen des rötlichen Steins als letzte Warnung nicht
mehr wahrnehmbar… Ein Anruf,…es ist…ein Arzt? Ein Krankenhaus?...und vor allem wo?
Ein lauter Knall, ein Unfall, Feuerschein in der Nacht…es ist …ihr
Kind…sie hört die Stimme des Arztes, der von einem Unfall erzählt…,
sie will zu ihrem Kind…doch wohin, an welchen Ort? Verbrannt… zwar
am Leben, doch der Faden ist aus Seide,… der Unfall…nicht die
Ursache für das Feuer! Der leblose Körper …auf dem Asphalt… eine
riesige Lache Benzin um ihn herum, ein Funke…ein Feuerball. Das Kind
in diesem Inferno!!! Der Schacht ist so tief, und
sie weiß, dass die Bilder sie noch tiefer hinunter ziehen
werden, wenn sie nicht entschlossen mit den Armen nach oben rudert,…
auftauchen…! Komm hoch!!! Es ist doch … nur… ein schrecklicher
Traum! Der leblose Körper ihres Kindes …eine Gestalt mit einem
Kanister…das Benzin breitet sich in einer riesigen Lache um den Körper
aus…, ein Feuerzeug, ein Funke…ein Feuerball. Das Kind….!!!! Es ist doch NUR ein Traum,
komm endlich hoch! Hat sie gestöhnt,
geschrieen, um sich geschlagen? Steh auf! Sieh nach, ob das
Auto des Kindes da ist! – Nein. Nimm das Telefon! Ruf an! –
Es hebt niemand ab. Zwanzig Minuten nach zwei!
Das Zeitfenster ist weit geöffnet! Nun erkennt sie, dass es kein
Traum ist, sondern es ist: die Seherin! 3500 Jahre im Zeitraffer und
nun spürt sie am ganzen Leib, im tiefsten Herzen, das Grauen der
Seherin an der Hafenmauer. Sehen, was nicht verhindert werden kann! Das Weinen drängt an die
Oberfläche, sie zittert. Noch nie hat sie eine so grauenvolle Angst
um dieses Kind verspürt. Sie, die allen Schutzengeln blind vertraut.
Sie, die nur die sonnigen Seiten des Sehens genießen möchte. Sie,
die nun bewusst die Verantwortung ihrer unbedacht eingesetzten
Werkzeuge wahrnimmt. Hatte sie ihn damals tatsächlich
nicht gehört? „Mach die Augen zu!“
…ist es nun…zu spät? Wasser! Sie taumelt hinaus um
zu trinken. Je deutlicher die Wirklichkeit, desto realer die Bilder!
Sie lassen sich nicht fortwischen oder verjagen, wie lästige Fliegen. Ganz deutlich hört sie die
Botschaft: deine Gabe hat auch eine dunkle Seite, an der du schon vor
3500 Jahren zu Grunde gegangen bist. Möchtest du das tatsächlich
wieder durchleben, oder reicht dir diese Kostprobe? Ihr „Ich-wollte-doch-nur…sehen“
senkt beschämt den Kopf. Der Schlüssel sperrt das
Schloss. Das Kind schließt leise die
Tür. Zurück in die Bibliothek© 2005 by Brigitta Mathes. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten. |