Gipfelsturm  

 

An manchen Tagen kommt der Sturm auf den Gipfel sanft daher. Liegt es daran, dass der Sturm noch jung und unerfahren ist, gerade ein paar Atemstöße heftiger als der Wind, der die Wolken eines vormittäglichen Gewitters vor sich her treibt?

Du sitzt unter der jungen Eiche, die sich vorwitzig zwischen den Ästen einer Kiefer empor gearbeitet hat und der Gipfel heute gleicht sanften Hügeln, die sich willig vor dir ausbreiten und weiten.

In der Ferne – auf einem anderen Gipfel – weißt du um die erhabene Eiche, die jedem Sturm und allen Blitzschlägen getrotzt hat. Du kannst sie im Dunst des Vormittags erahnen, dazwischen das Tal, die Senke, das Dorf mit seinen zwei Gasthäusern, dem Puff, dem Kirchturm und dem gelben Postauto, das seine Fährte in den Häuserzeilen legt.

Dein Blick gewöhnt sich an die Weite, die Trägheit des Geschehens,… am Rande nimmst du den Traktor wahr, der zur Heuwende ausgefahren ist.

Nur der junge Sturm lässt dich nicht ganz in die Entspannung abgleiten. Er reißt an den Blättern der jungen Eiche über dir. Er ahnt die Gefahr nicht. Dass er sich in ihr verlaufen könnte… sich in ihren Armen verstricken könnte und sich dann wie der unerfahrene Drache in ihr verfängt, an ihrer Leine zappelt.

Wäre der Sturm ein wenig erfahrener, wüsste er, warum der Schädel des jungen Hirsches dort an die Kapelle des heiligen Hubertus genagelt ist. Fünf Enden an jeder Seite waren zu wenig, um der  Gefahr zu entgehen, die erfahren und geduldig auf dem Hochstand lauert. Doch was kümmert den Sturm das Schicksal des Hirsches, dessen weißer Schädelknochen in die Senke hinunter leuchtet?

Dir ist der unerfahrene Sturm willkommen. Er fühlt sich gut an - auf deiner Haut, die er kühl streichelt. Er umschmeichelt dich, macht dir den Duft der gemähten Gräser zum Geschenk, weht sie um deine Nase. Stoßweise, wie der Atem eines ungeduldigen Liebhabers.

Du lässt ihn gewähren, er flüstert Dir Worte ins Ohr. Du kannst sie kaum verstehen, nur erahnen. Er lenkt deinen Blick auf den Hochstand, der in sicherer Entfernung – jedoch in direkter Verbindung zur Eiche auf dem anderen Gipfel - liegt. Du vertraust der Stimme des Sturms, seine duftenden Geschenke haben dich betört, machen dich – fast – willenlos. Die Forderung nach völliger Hingabe schwingt in seinem Atem. Was flüstert er da? Vom Jäger und seinem Jagdgehilfen, die in der Nähe sind? Erfahren und geduldig. Sie lauern auf Beute. Wirst du heute Beute sein?

Dann vernimmst du ein Knacken, hinter dir, im Geäst. Doch du vertraust weiter. Der Hund hat nichts bemerkt, sonst würde er dich warnen, vor der Gefahr. Der leise Verdacht keimt in dir, dass der Sturm auch dem Hund betörende Geschichten einflüstert…

Du möchtest so gern die Augen schließen, vor der Gefahr, möchtest abtauchen und dich blind vom Sturm führen - verführen – lassen. Zu verlockend seine Stimme, sein Atem, den er in deinen Nacken legt, …dann in dein Ohr, … in deinen Mund. Und dann kostest du ihn… süß… und bitter… (aber das ist eine andere Geschichte!).

 

Nun  hält er dich dazu an, deine Augen zu schließen. Vertrau mir! ist das einzige, das du deutlich verstehst.

Während dich sein Atem liebkost, er deinen Atem heftiger anfacht, aber nur so weit, dass der Puls keine Purzelbäume schlägt, ist dein Gehörsinn angespannt, wie der des Zehnenders vor seinem kapitalen Ende. Du spürst ihn kommen, aus dem Dickicht, gleich hinter dir – und noch immer rührt sich der Hund nicht…

Du möchtest flüchten – was hat den Hirschen davon abgehalten? – aber er hält dich in stürmischer Umarmung unter der Eiche.

Plötzlich ist es dir Gewissheit: Jäger und Jagdgehilfe haben dich im Visier, es gibt kein Entkommen. Vor dir, aus den Augen des Hochstandes leuchtet begehrliches Verlangen, hinter dir spürst du körperliche Präsenz, die dich in dem Augenblick packen wird, wenn du versuchst, zu fliehen.

Als sich etwas über deine Augen legt, verschwindet dein Bedürfnis nach Flucht.

Du bist erstaunt, da ist keine Angst mehr! Der Sturm lässt sie hoch in die Wipfel der Eiche wirbeln, spielt mit ihr Verstecken.

Du hörst weiter die Stimme des Sturmes, der dir die Spielregeln einflüstert. Hat er eben Rampe 4 gesagt? Wie? Was? Wo? Eine neue Fährte? Ein Ort für den Abschuss… auf Rampe 4?! Oder einfach nur eine falsche Fährte, um dich zu verwirren, zu verirren in deinen Wahrnehmungen, um deine Ängste darin zu verstreuen? Die Stimme des Sturms betört und beschwört, und du schwörst beim bleichen Hirschen über dem heiligen Hubertus, dass du das nächste Mal in deinem blauen Kleid aufsteigen wirst… Auf den …Gipfel. Lust. Voll. Und… verboten.

Du möchtest jeden von seinen Atemstößen erhaschen, …aufnehmen. Zu verlockend ist das, was sich betörend in dir ausbreitet, …wie der Duft der Wiese, …der Duft des Waldes, … der Geschmack der Gefahr, … der Geschmack der Lust…

Du nimmst nicht mehr wahr, wessen Atem du hinter dir spürst. Du lässt es geschehen, dass er dich befiehlt… hinter die Bank – unter die Eiche.

Komm! Ist nicht mehr Einladung. Ist Befehl. Kein Widerstand. Kein Aufbegehren.

Du lässt es geschehen, dass er deinen Blick an den Hochstand fesselt, dass du dem verborgenen Verlangen schamlos in die Augen blickst, die du nur erahnst, weil sich ihre Blicke über deinen Körper tasten… wie der Atem… wie das Flüstern… wie die stürmische Berührung… kühl auf deiner heißen Haut… auf dem Hügel der Traktor… in den beiden Wirtshäusern die Trankler… in den Häuserzeilen das Postauto… im Puff die gelangweilten Damen… in der Kirche der Mesner… in der Senke die Ruhe vor dem Sturm…

Du ahnst, dass es kein Entkommen gibt, nur dieses Komm!

Und in diesem Moment spürst du … dein blaues Kleid… das dir der Sturm zwischen die Schenkel presst… ungestüm, wie der junge Sturm eben ist. Und er singt dir das Lied… des Windes… der fernen Gipfel… der Freiheit… der Lust.

Er ver-führt dich zum Tanz… vor die Augen der Jäger. Du spürst, wie du in Fluss kommst, ein Eintauchen in den Rhythmus, in das Lied der Natur, und … endlich in seine Hände … von hinten, kaum wahrnehmbar … um deine wiegenden, tanzenden Schenkel… und Hüften… sie legen sich… ganz sanft und doch bestimmt… über deine Augen… und du bewegst dich, indem du dich an seinen Rhythmus anlehnst… der dich an den ungestümen Sturm hoch über dir in der Eiche erinnert… du denkst an nichts anderes mehr, … du willst ihn… du willst, dass er über dich (oder heißt es über dir?) kommt, du willst ihm dabei … in die Augen sehen.

Aber du weißt, dass in diesem Moment der Funke zündet.

Und das bedeutet Gefahr.

Denn darauf wartet der Sturm in der Eiche. Er wird sich herunter stürzen, den Funken über das duftende Feld jagen und es wird vor deinen Augen nur mehr Feuer lodern… für den Tanz, den du so gern tanzt… dass es dann auch auf dem Hochstand heiß hergeht, nimmst du in Kauf… Die Feuerwehr unten im Dorf ist die schnellste weit und breit…und für dich kommt ohnehin jede Rettung zu spät… denn der Feuerprinz hat Geschmack an dir gefunden und verzehrt sich in unlöschbarer Begierde nach dir.

Nur ein Atemzug hält dich noch davon ab, dich umzudrehen und Gewissheit zu erlangen, ob es der Prinz oder sein Gehilfe ist…und du weißt, dass diese Gewissheit tödlich sein kann…

Da schlägt es fünf vor zwölf aus der Senke hoch…

Du weißt, dass es Cinderellas einzige Chance ist. Egal, ob bei Nacht oder bei Tag.

Noch ist kein Blut in deinem Schuh, aber auch Cinderellas Ferse ist verwundbar. Umkehr wäre die Falle, in die du nur zu gern taumeln würdest, denn die magischen Augen des Feuerprinzen locken dich in den Abgrund…

Also vertraust du – noch – deinem Instinkt, der deine Schritte lenkt…und lässt dich vom Sturm hoch in die Lüfte entführen.

 

Zurück in die Bibliothek

© 2005 by Brigitta Mathes. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.