Herberts Suche.
Sie trafen einander am vorletzten Abend
des letzten Jahres des letzten Jahrhunderts des letzten
Jahrtausends.
Er reiste von hier an, sie von da und sie trafen einander
dort wo sie niemand kannte. Ein Jahr zuvor war sie von
hier angereist und er von da und sie hatten einander dort
getroffen, wo sie niemand erkannte.
Der vorletzte Abend gab sich anfangs spröde. Er wollte
mit dem Vorhaben der vorletzten Nacht nichts zu tun haben.
So saßen sie fast schüchtern bei einem Glas Wein. In fröhlicher
Gesellschaft, allein zu zweit.
Hätte er sie in diesem Lokal an diesem vorletzten Abend kennen gelernt, wie man einander eben
kennen lernt, dann hätte
er nach dem ersten Glas Wein ihre Hand genommen. Sein
Knie hätte ihr Knie gesucht und er hätte tief in ihre
Augen geblickt. "Schöne Augen hast du." hätte
er gesagt und damit die Legitimation für den ersten
sachten Kuss erworben.
Hätte sie ihn in diesem Lokal an diesem vorletzten Abend kennen
gelernt, wie man einander eben kennen lernt, hätte
sie ihm nach dem ersten Glas Wein ihre Hand gereicht. Ihr
Knie hätte an seinem gerieben und sie hätte ihm noch
tiefer in die Augen geblickt.
"Welche Farbe haben deine Augen?" hätte sie
gefragt.
Die Sehnsucht der vorletzten Nacht wäre wie eine
Feuerwolke über ihnen geschwebt, hätte sie eingehüllt
und abgegrenzt von den anderen, bereit mit heißen Zungen
das Feuer der Leidenschaft anzufachen. Es hätte dem
vorletzten Abend gefallen und Frankie-Boy sang nur für
sie.
Doch es gab keine Legitimation zu erwerben.
Er kannte bereits ihre geheimsten Wünsche. In den
letzten Tagen vor der vorletzten Nacht waren ihre Wünsche
und seine Begierden zum Befehl geworden. Ein Befehl den
er herbeisehnte. Sie ahnte bereits seine geheimsten Wünsche.
In den letzten Tagen vor der vorletzten Nacht hatte sie
ihre Begierden und seine Wünsche mit dem Streichholz der
Vorfreude entfacht.
"Gehen wir?" fragte er.
Der vorletzte Abend räumte der vorletzten Nacht
widerwillig das Feld. Die vorletzte Nacht hatte sich
herausgeputzt wie eine weiße, funkelnde Braut. Sie hatte
ihren jungfräulichen Schleier ausgebreitet. Über den
Straßen, den Häusern und den Bäumen. Ihr Atem war
kristallkalt, Wintersterne funkelten in ihrem
dunkelsamtenen Haar.
Schweigend gingen sie über den weißen Schleier zu
seinem Wagen. Herberge für die vorletzte Nacht und ihre
dunklen Kinder. Schweigend fuhren sie dorthin, wo Fuchs
und Hase nicht mehr Gute Nacht sagen. Er hatte den Sekt
mitgebracht und sie zwei Gläser und eine Don Stefano.
Er hatte an davor gedacht und sie an danach.
In der absoluten Stille der vorletzten
Nacht zog er zuerst ihr Gesicht an seines, dann ihren Körper
an seinen. In der absoluten Finsternis der vorletzten
Nacht lächelten sie einander das erste Mal unter heißen
Küssen an. In der absoluten Umarmung der vorletzten
Nacht zerbrachen die Schranken und zerrissen die
Stacheldrähte, die sie um ihre Gefühle errichtet hatten
für die Dauer der absoluten Umarmung.
Sie standen draußen vor dem Wagen und
merkten nicht, dass sie mit ihren Stiefeln den Schleier
der entjungferten Nachtbraut zerstörten. Sie sahen
hinauf in den nachtblauen Himmel und wunderten sich, dass
weiße Schneetränen auf sie fielen.
Sie standen eng aneinander. Doch es gelang nicht, die Wärme
der absoluten Umarmung wiederzufinden. Die Feuerprinzen
und Herzbeschützer waren im Wagen geblieben. Wir sind
doch nicht blöd, bei dieser Eiseskälte, hatten sie
zueinander gesagt.
Es war fünf vor zwölf in dieser vorletzten Nacht, als
sie an der kalten San Stefano zog, an
Aschenputtel dachte und bedauerte, die Farbe seiner Augen
nicht zu kennen.
"Was suchst du eigentlich hier?"
fragte sie ihn und erwartete keine Antwort. Sie ahnte, dass
er es selbst nicht wusste, aber sie fühlte, was er
suchte.
Schweigend stiegen sie in seinen Wagen. Ihre Hände
fanden ineinander, während sie schweigend dorthin zurück
fuhren, wo man sie nicht kannte. Aber ihr Schweigen war
erfüllt von den übersprudelnden Worten, die sich die
angetrunkenen Feuerprinzen und erlösten Herzbeschützer
über ihre Hände hinweg zuriefen.
Er reiste zurück nach hier und sie nach da. Dorthin, wo
sie jeder kannte. Am frühesten Morgen des letzten Tages
des letzten Jahres des letzten Jahrhunderts des letzten
Jahrtausends.
Herbergs
Suche.
Brigitta Mathes
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