Leseprobe "Dorfmatratze"

Irmi

Irmis Lichtschalter hatten immer andere geknipst. Nie Irmi selbst. Die einen sind in sie eingedrungen. Als Irmi ein Baby war. Als Irmi ein Kleinkind war. Als Irmi ein Schulkind war. Als Irmi eine Jugendliche war. Mit all der Brutalität eines Wahnwitzes und eines zerstörerischen Irrsinns, der erblich in der Familie dahinvegetierte. Der zum Ausbruch kam, - willkürlich -, und sich wieder versteckte.  im Dunkeln – in einer völligen Umnachtung lagerten diese Jahre und ihre schrecklichen Begebenheiten als tickende Bombe in Irmis unterstem Bewusstsein. Irmi, die Erwachsene, die nie eine Chance verspürt hatte, ans Licht – an den Schalter – zu kommen, floh aus dieser Bedrohung ihres Körpers, mehr noch aus der Bedrohung ihrer Seele. An der Schwelle vom Kind zur Frau flüchtete sie in einen paranoiden Zustand. Zufällig hatte sie das erste Mal am Schalter geknipst. Und es wurde noch dunkler. Gelegentlich gab es einen Kurzschluss. Dann erhellte sich blitzartig Irmis Geist, der -  mit einem quälend hohen IQ ausgestattet – die Tragödie zu benennen, zu analysieren, und zu katalogisieren im Stande war. In diesen hellen Momenten wurde sich Irmi aber auch das erste Mal ihrer Macht bewusst. Der Verfolgungswahn bot ihr die Möglichkeit ihrerseits zu verfolgen. Willkürlich. Bekannte und wildfremde Menschen.  Am Arbeitsplatz. In der U-Bahn. Im  Sozialwohnheim. Irmi lernte schnell. Flüchtete sie in die Paranoia, konnte sie sich schützen. Vor der Welt, die ihr nur Böses wollte, weil sie nie anderes erfahren hatte. Indem sie auf ihre fiktiven Verfolger ungebremst und mit ungezügelter Aggressivität losging, zwang sie die meisten in die Defensive. Und provozierte damit wiederum das Wegsehen. -  Die andern sind Schuld an meinem Elend -, das stand für Irmi immer außer Frage. Die Flucht in den Wahn machte ihr eine Reflexion unmöglich, sie tappte im Dunkeln. Nie im Licht.

Die Regie über Irmis Lichtschalter übernahmen irgendwann das Jugendamt. Das Vormundschaftsgericht. Der Sachwalter. Der Psychiater. und man schüttelte die Köpfe. Siebzehn Jahre nichts bemerkt? Von den Zuständen daheim. Auf engstem Raum. Von der sadistischen Mutter. Dem devoten Vater. Der Großmutter. Von niemandem bemerkt, von niemandem erahnt? Wie sieht ein Zuhause aus, dass es  unvorstellbar wird?  Von Irmi hin und wieder geschildert. Stotternd, schluckend. Aufgrund ihres Sprachfehlers bizarr. Immer nur dann, wenn die gepeinigte Seele ihr stärkstes Signal aussandte. Niemand hörte die Hilferufe. Die Mitschülerinnen,  die im Licht und behüteten Elternhäusern heranwuchsen, hüteten sich davor zu nahe an Irmi zu geraten. Freundinnen hatte Irmi nie gehabt. Daran hatte sich seit dem ersten Schultag im Gymnasium  und dem furchteinflössenden Auftritt von Irmis Mutter nichts geändert. Irmi tat auch nichts dazu, um gemocht zu werden. Konnte nichts dazu beitragen. War gelähmt von der Angst vor der Mutter. Von der Angst,  die im Dunkeln mit jedem Mal, das sie eingesperrt in der Besenkammer verbringen musste, mächtiger, größer, bedrohlicher wurde. Die sie verschlang, mit Haut und Haar und Seele. Die alles verschlang. Alles - außer der Mutter. Die Mutter war schlimmer als das Dunkel.  Damals und heute sieht man nicht.

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