| Die
Kirschenfrau
Aber
vielleicht möchtest du wissen, wie dieses Foto entstanden ist? Du
weißt ja: Wie bei fast jedem großen Hollywood-Film gibt es ein
Making-Of. Dann
kam das Ende der Eissaison. Inzwischen
war ich nicht nur süchtig geworden nach ihrem klebrigsüßen Saft,
dem sanften Knacken zwischen meinen Zähnen und ihrem herrlichen
Geruch, sondern auch nach ihrer vollkommenen Form. Mit
dem Blick des Kirschenjägers streifte ich durch die Stadt. Meine
Augen saugten sich an allem fest, was in Form, Farbe oder Geruch
meinen Amarenas glich. Ich lief hinter Frauen her, deren süßlichschwerer
Duft dem der Kirschen glich, ich taxierte Brüste und Hintern auf die
knackigprallen Formen, ich suchte ihre Blicke, um die schwarze Glut
darin zu entdecken. Aber
keine war unter ihnen, die alle Eigenschaften in sich vereinte. Da
kreuzte sie meinen Weg. Sie,
die Kirschenfrau. Fast
könnte man sagen, dass sie mir in die Arme gefallen war wie eine
reife Kirsche vom Baum. Dann ihr Blick – ihr Duft – ihre Form, die
ich für einen flüchtigen Moment wahrnehmen durfte: Sie
war es, da gab es keinen Zweifel.
Der
Spiegel, der Abdunkelungsschirm, das Stativ: alles stand an seinem
Platz, tausendmal zurecht gerückt, fertig für den großen Einsatz. Die
Kirschenfrau zog sich wortlos aus, dann stand sie nackt sie vor mir.
Es verschlug mir den Atem. Um meine Verlegenheit und – ja auch um
meine Erregung zu verbergen, reichte ich ihr die Schüssel mit den
Kirschen, die im dunklen Meer ihres Saftes wogten. Dann zog ich mich
hinter die Kamera zurück, um dem weiteren Geschehen durch den Fokus
zu folgen, um den Blickwinkel des Voyeurs einzunehmen. Dunkelroter
Saft tropfte aus ihrem Mundwinkel, als sie mit dem mir wohlbekannten
Knacken in eine Kirsche biss. Mir lief das Wasser im Mund zusammen,
ich musste schluckten. Sie tauchte ihre Finger tief in den Saft,
wieder zerplatzte eine Kirsche hörbar in ihrem Mund. Sie drehte den
Kopf zur Seite, eine neue Spur lief an ihrem Kinn hinunter, tropfte
auf ihre Brustwarze, die in Farbe und Form einer Amarena glich. Ich
hatte kein Wort darüber verloren, was ich von ihr erwartete. Sie
beugte sich über die Lehne des Stuhls. Eine Pose, die ich tausendmal
in Gedanken durchgespielt hatte: Die
Vertiefung ihres Rückgrats in einer sanften Kurve ausschwingend, in
einem Delta verlaufend, auf dessen höchster Wölbung ihr
Platz sein würde. Perfekter als das mir Dargebotene hätte ich es in
meiner Vorstellung nicht abbilden können! "Bleib still!" forderte ich sie auf. Als Antwort war das neuerliche
Knacken einer Amarena zu hören. Nun
war sie an der Reihe! Welch
ein Anblick! Meine Erregung stieg ins Unermessliche, als ich den Stängel
in ihr pralles, glänzendes Fleisch trieb, aus dem er stolz und
aufrecht hervor ragte. (Ich gebe zu, es war der einzige Trick, den ich
angewendet hatte. Aber hast du schon kandierte Amarenakirschen mit
Stängel gesehen?) Als
ich sie dann - prall, glänzend und zum sofortigen Vernaschen bereit -
in ihrem Saft vor mir sah, und ihre perfekten Rundungen das Format füllten,
konnte ich nicht mehr anders als abzudrücken. Der Kirschenfrau
schien es ebenso viel Vergnügen und Lust zu bereiten, denn sie
seufzte hin und wieder verzückt auf. Etwas
später richtete ich mich erschöpft auf. Ich spürte, dass ein lange
nicht zu übertreffender Höhepunkt eingetreten war, die Kirschenfrau
würde alles bisherige in den Schatten stellen. Ich hatte nun
Gewissheit, den langen, entbehrungs- reichen Winter guten Mutes zu überstehen
und zu meiner und ihrer Belohnung machte ich mich ans Vernaschen.
In
meiner Erinnerung hat es sich so und nicht anders abgespielt, und wenn
ich daran denke, tauche ich wieder in all die sinnlich erregenden Gefühle
und Geschmacksempfindungen ein. Nichts und niemand kann mich daran
hindern, es genau so erneut
wahrzunehmen. Genau
genommen hindert dich ebenfalls niemand daran. Ausgenommen du selbst. Brigitta Mathes © 2003
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