Kommissar Zufall

   Hatte es der Zufall tatsächlich so gewollt? Später - erst viel später tauchte diese Frage in meinem Gedankenkarussell auf.
   War ich ihm zufällig über den Weg gelaufen?
   Wie ein Reh, das aufgescheucht und kopflos die Flanke seines Wagens gerammt hatte, die eigene Flanke bis zu den Eingeweiden aufgerissen - dann blutüberströmt - zuckend  und zitternd im Licht der Scheinwerfer zu liegen kam. Und der starre Blick in zwei kalte Lichter - Nebel rinnt an ihnen hinunter, an dem blutignassen Fell des Tieres ebenso, vermischt sich mit Angstschweiß und Schmerz, verschwindet schwarz auf dem feuchten Asphalt. Und der Schatten hinter den Lichtern, der den Streifenwagen verließ, sich über der verletzten Kreatur aufrichtete, die Waffe darauf richtete. Die Hand, kalt und kein bisschen Zittern. Das Karussell dreht sich im Nebel, schneller und schneller, die Musik ein verzerrtes Auf und Ab und Auf und Ab... wie das Reh, das sich dort oben mit im Kreis dreht. Es schleudert sein Blut auf mich. Kalt und zäh rinnt es über meine Lippen.
   Oder war ich zufällig in sein Fadenkreuz geraten?
   Wie der Hase, der hinter dem Reh auf dem Karussell hockt? Das Näschen bewegt sich unaufhörlich, den Körper hoch aufgerichtet, die Ohren tasten die lauernde Gefahr, können sie nicht erfassen. Wie denn auch? Die Musik - das Auf und Ab und Auf und Ab... Im Visier des grauen Wolfes. Abgebrüht und kalt.
   Später - erst später und an die Kopfstützen seines Streifenwagens gefesselt, hatte er mir gestanden, dass er nicht zufällig Kommissar geworden war. Zufall - so einen Namen trug man nicht zufällig. Name verpflichtet. Und Kommissar Zufall hatte seinem Namen alle  Ehre gemacht. Im Bezirk und über dessen Grenzen hinaus. Meist war er als Erster am Ort einer Amtshandlung oder eines Verbrechens, dann wenn er allein unterwegs war, aber das war für seine Kollegen rein zufällig.  
   Davor. War ich nicht froh gewesen, dass ein Streifenwagen das ängstliche Klappern meiner Absätze auf dem Asphalt abrupt zum Stillstand gebracht hatte? Die Erleichterung darüber größer, als die Taschenlampe zu enttarnen. Die mich geblendet hatte, um dann meinen Körper zu taxieren, bis hin zu den Stöckelschuhen. Das Fadenkreuz. Dahinter zwei hungrige Augen in einem allzu grauen Gesicht. Von der Nacht ausgesaugt und von den  unzähligen Nächten davor.  
   "Zufall mein Name, Kommissar." hatte er sich vorgestellt ohne sich auszuweisen oder das Fahrzeug zu verlassen. "Steigen Sie ein, es ist nicht gut um diese Zeit so allein hier..." 
   Da lagen sie also auf dem Beifahrersitz. Kühl und glänzend. Waffe und Handschellen. Sie gaben mir doppelte Sicherheit. Und neben mir ein Kommissar. Was für ein glücklicher Zufall in einer Nacht, in der das eigene Fahrzeug mit einem Motorschaden in der finstersten Ecke des Bezirks liegengeblieben war! Die Waffe hatte er sofort an sich genommen. Die Handschellen nicht. Da lagen sie also in meiner Hand. Kühl und glänzend. Der Mechanismus einfach - Zahn um Zahn - klick! - klick! - ein Spiel, solange man darin nicht gefangen war.
   "Willst du wissen, wie sich das anfühlt?"
   Plötzlich kühl und fest die Umklammerung meines Handgelenks. Seine Hand, mit der er meine umspannte, ließ keinen überraschten Widerspruch zu. Klick!
   Und das eine Ende saß fest um sein Gelenk. War er tatsächlich so überrascht wie er tat? Oder konnte er Gedanken lesen? Hatte er  in unzähligen Verhören gelernt, das heraus zu filtern, was abartig und abgründig in der Tiefe eines jeden Menschen schlummerte? Klick!   
   Das zweite Ende schnappte um die Kopfstütze zu. Ich riss sein Hemd auf, darunter mattschimmernde, kühle Haut. Meine Nägel hinterließen darauf eine blutig-warme Spur, er seufzte auf. Eine zweite Spur, seinen Hals entlang, ich verlor die Kontrolle an einen Blutrausch. Benetzte die Zunge mit seinem Blut, um dann seinen Mund zu suchen. Der Klang der Zähne, die aufeinander schlugen metallisch, vermischt mit stoßendem Atem. 
   Wieso hatte ich nicht früher bemerkt, dass seine Waffe die ganze Zeit über in seiner ungefesselten Hand lag? Ihr  - klick! - als er den Hahn durchspannte klang wie das Klicken der Fesseln. Zuerst. Die Mündung in die ich sah, kalt und dunkel, wies mich an, meine Hand an ihm abwärts gleiten zu lassen. Die Knöpfe der Hose - glühend heiß, das Leder wie die warme lebendige Haut eines Tieres. Noch die Erregung spürbar im Vordergrund - alles nur ein Spiel! - oder?... dann die kalten Augen hinter dem Fadenkreuz. Sein Blut an meinem Mundwinkel, kalt und zäh und tot. Der Schlüssel! Ich musste ihn finden! Er sagte kein Wort, die Waffe deutete auf seine geöffnete Hose. Endlich. Meine zittrigen Finger fanden Schlüssel und Schloss. Ein Schmerz auf meiner Wange. Und gleich ein zweiter. Die Lippen aufgesprungen, warmes Blut mischte sich mit kaltem. In Panik verschloss ich meine Augen vor den grauen Augen, in denen nichts zu erkennen war. Keine Wut oder irgendeine andere Regung.
   Das Karussell. Schneller und schneller. Auf und Ab und Auf und Ab...
   Dann draußen vor dem Wagen,
Nebel rinnt an den Scheinwerfern hinunter, an dem blutignassen Körper ebenso, vermischt sich mit Angstschweiß und Schmerz, verschwindet schwarz auf dem feuchten Asphalt. Und der Schatten hinter den Lichtern, der den Streifenwagen verlässt, sich über der verletzten Kreatur aufrichtet, die Waffe darauf richtete. Die Hand, kalt und kein bisschen Zittern. 

   Wie lange hatte ich auf meinem rasenden Karussell verbracht? Ich konnte den beiden Polizisten, die mich fanden, keine genauen Angaben über den Hergang machen. Ein Unfall? Ein Überfall? Das Auf und Ab und Auf und Ab hatte alles mitgenommen. Kommissar Zufall war im Einsatzwagen sitzen geblieben und schrieb das Protokoll. Hier hatte er nichts weiter zu tun. Es würde ein ungelöster Fall seiner Kollegen bleiben.

Brigitta Mathes

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