Die Markierung

Das Tier im Mann... Kennen wir doch alle. Aber das Alpha-Tier im Mann?!

 „Komm morgen um eins in den `Blauen Hirschen`“ hatte Nora zu mir gesagt, „dann verrate ich dir, warum mir die Männer nachlaufen, wie die Hunde.“ Zuerst signalisierte ich Desinteresse, dann sagte ich zu. Weibliche Neugier und vier triftige Gründe.

1)      Die Tatsache: Männer laufen Nora nach wie liebestolle Hunde.

2)      Nora ist alles andere als die Frau, nach der mann sich umdreht, was im             
 Widerspruch zu 1) steht.

3)      Die Hoffnung auf eine passable story

4)      Die mangelnde männliche Nachfrage meine Person betreffend...

Seit zehn vor eins sitze ich im sonnigen Gastgarten des ´Blauen Hirschen` , den Schreibblock noch weggepackt, und warte auf Nora. Zeit, die Männer ringsum zu taxieren. Es sind viele, denn um diese Zeit ist der `Blaue Hirsch´ gerammelt voll.  Ich grinse. Ein rammelnder, blauer Hirsch – hat Nora absichtlich dieses Lokal ausgesucht? Unsinn! (Ihr müsst wissen, Mädels, wenn jemand alle 10 Minuten an sex-sex-sex denkt, dann sind wir das.)

Der Blick pro Kandidaten: gerade zehn Sekunden. Gesicht – Hände – Gesicht – Mund – Augen – versuchter Blick auf seinen Hintern – Gesamterscheinung – Schuhe. Der nächste, dasselbe Ritual. Die Ausbeute ist gut, hübsche Kerle, interessante Möglichkeiten für Noras Theorie, an die ich noch nicht so recht glaube. Um ehrlich zu sein: ich glaube überhaupt nicht an Noras Theorie, Männer auf der archaischen Triebebene von Hunden anzusiedeln.
Trotzdem möchte ich ihre Theorie ergründen, denn nicht die Erzählungen ihrer Abenteuer haben es mir angetan. Aufschneiden, das kann heute jede. Mich beschäftigt die Tatsache: Nora wird umschwärmt wie das Licht von den Motten. Und sie schleppt sie mittlerweile scharenweise ab. Dabei ist Nora alles andere als ein Vamp. Klein, etwas pummelig. Maushaare und ein farbloses Gesicht. Kurzsichtig, mit Brille. Unscheinbar. Sogar mit Make-up und Vorteilsgewandung.

Hier wirst du dir Mühe geben müssen, liebe Nora, denke ich noch selbstgefällig. (Ihr könnt mich zwar nicht sehen, aber ich bin im Gegensatz zu Nora eine Erscheinung, eine nach der mann sich gern zweimal umsieht. Aber eben nur umsieht...)

Da betritt Nora den Gastgarten. (Wie immer suchend, wenn sie keine Brille trägt.)


Plötzlich ist alles anders. Der Film vor meinen Augen verlangsamt zur Zeitlupe. Die Gespräche, die Geräusche - ausgeblendet. Nora bewegt sich, einen Schritt vor den anderen setzend, ...anmutig... lasziv... die Hüften wiegend in einem unhörbaren Rhythmus. 
Hören sie ihn denn alle? Alle, außer mir?!
Einer nach dem anderen hebt den Kopf – langsam - in Noras Richtung – taxiert sie.
Oder nein! Ist das möglich?! – nimmt
ihre Witterung auf...!!
An der untersten Schwelle meiner Wahrnehmung:
Bebende Nasenflügel - anschwellende Glieder - aufblitzender Jagdinstinkt. 
Gebannt verfolge ich das seltsame, animalische Schauspiel. Zögernd ziehe ich die Luft durch die Nase ein... Nichts. Ich rieche nur gebratenes Fleisch und Pommes frites.

Nora hat mich entdeckt, winkt mir, steuert auf meinen Tisch zu, setzt sich. Ihr „Hallo!“ bringt meinen Film wieder ins reale Tempo, die witternden Wölfe ringsum verwandeln sich unter Noras Regie in ganz normale Businesstypen. 
“Beeindruckende Demonstration!“ sage ich. Smalltalk ist nicht mehr angebracht, ich habe begriffen, was läuft. Nur die Spielregeln sind mir nicht klar. Noch nicht.  

„Fantastisch war’s heute Nacht!“ beginnt Nora fröhlich. „Zwei tolle Typen, jung, knackig. Sie haben es mir die ganze Nacht besorgt. Einer besser als der andere, fast könnte man sagen, zwei Alphatiere!“

Der smarte Mittvierziger am Nebentisch hustet sein Steak in die Serviette. Sein Begleiter verschluckt sich am Rotwein. Dabei hat Nora gesittet leise gesprochen.   
„Okay, also weiter!“ sage ich noch leiser mit Seitenblick auf die Herren. „Wie bist du auf deine Theorie gestoßen... oder muss es heißen: gestoßen worden?“ 
Nora grinst. „Zufall?! Sentimentalität? Ich weiß nicht mehr so genau. Sag mal, du hast das doch auch schon getan. Dich nach einem besonders tollen Mann nicht gewaschen. Damit du am nächsten Morgen in seinem  Duft, mit seinem Geschmack auf deiner Haut aufwachst?“   
Wie ertappt zucke ich zusammen. 
...natürlich... Nora, aber wer spricht denn jetzt von mir und überhaupt...  
Ein verstohlener Blick nach nebenan. Wieder haben sie jedes Wort mitbekommen, obwohl Nora inzwischen flüstert.   
“Hast du schon mal beobachtet, was die Rüden tun, wenn eine Hündin...“   
“Nora, halt die Luft an!“ zische ich. 
Aber Nora scheint nichts peinlich.   
“Ist dir noch nie aufgefallen, dass sie meilenweit ihrer Nase nach laufen? Und was tun sie auf ihrem Trip zur Angebeten?“   
Du wirst es mir gleich sagen! befürchte ich.   
“Sie markieren mit Genuss und Vorliebe die Duftstoffe ihrer Rivalen, und Sieger bleibt das Alphatier. Man könnte fast meinen, es wäre ihnen wichtiger, als die Action mit der Hündin.“ 
Nora strahlt, als hätte sie den Hite-Report neu definiert. 
Der Kellner bringt Nora mit undefinierbarem Blick ein Tablett. Darauf – unter einer diskreten Serviette – eine diskrete Visitenkarte. Noch während sie die Karte studiert, erhebt sich drei Tische von uns ein Mann, nickt ihr flüchtig zu.   
“Ich muss schon wieder los!“ bedauert Nora mit Blick auf die Uhr. „Duschen, du verstehst!“ Und mit einem Augenzwinkern: „Probier´s mal aus, wenn du dich traust!“

Ja, soweit zu Noras Theorie der Alphatiere. Doch die story ist noch nicht im Kasten. Und Mädels, ehrlich, habt IHR den Mut zum Selbstversuch? Für empirischen Erfahrungsaustausch schreibt an:

Gpunkt

Brigitta Mathes

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