Regenbogenreise

Rot…orange…gelb…grün…hellblau…dunkelblau…violett…

Von weit her hörte sie Robbie´s Stimme. Zart, aber nachdrücklich beendeten seine Hände die Reise über ihren Körper. Widerstrebend tauchte sie aus der Schwerelosigkeit herauf, ließ ihn ziehen… Sie blinzelte in das dämmrige Licht des Raumes.

Vierzigster Geburtstag.
Wellness-Weekend.
Gutscheine für ein Rundum-Service.

Da war sie wieder – die graue Wirklichkeit.

„Ich habe Ihre Energiezentren aktiviert.“ vernahm sie das Wesen, das sie mit zunehmend abtauchender Fantasie an Robbie Williams erinnert hatte. Aus der Feuchttraum nach 25 Minuten. Obwohl - zu Beginn ihres Termins, mehr als Lockerungsübung gemeint – hatte dieser Ausbund an Sündhaftigkeit von seiner eifersüchtigen Gattin und dem kleinen Sohn erzählt. Sie seufzte.
„Was darf ich mir drunter vorstellen?“ fragte sie mehr beiläufig. „Lassen Sie sich überraschen!“

Fasziniert blickte sie in Augen, in denen die Farben des Regenbogens kreisten und sie an Kaa, die Schlange erinnerten. Reflexartig fasste sie nach dem Thermen-Bademantel. Im Angesicht der Schlange wurde sie sich plötzlich ihrer vierzigjährigen Blöße bewusst.

„Sind Sie morgen…“

„… da habe ich mein Familienwochenende“ vollendete er den Satz.

Sie verknotete den Gürtel, kramte in der Tasche nach dem Obulus und fühlte sich im einheitlichen XL-Monstrum wie eine Abrissnummer in seinem 08/15-Tagespensum.
„Na, dann vielleicht… im nächsten Jahr!“ sagte sie um nicht gänzlich grußlos zu verschwinden. Wissend, dass sie seinen Namen schon vergessen hatte.  

Sie schlenderte den Gang entlang, hin zur Ruhezone der Thermenlandschaft. Sie kuschelte sich tiefer in den Bademantel. Der Duft des Massageöls stieg angenehm in die Nase, die sphärischen Klänge aus dem Massageraum tauchten hoch, verliehen ihrem Gang eine beschwingte, gleitende Note.
Aktivierte Energiezentren, dachte sie verächtlich. Der junge Mann war zu tief in die Esoterikwelle gekippt. Mehr nicht. Außerdem war er eifersüchtig verheiratet und hatte eine Sohn…und er hatte die simpelste aller Tagesfantasien abrupt beendet.

Sie ließ sich in ihren Liegestuhl fallen. Träge schweifte ihr Blick.  

Das Wasser leuchtete in intensiverem Blau als zuvor. Die Scheinwerfer strahlten in hellerem Gelb als zuvor.

Es irritierte sie. Und es schärfte ihre Aufmerksamkeit.

Der Abgang zu den Umkleidekabinen lockte in unergründlichem Rot. Die Aufschrift „Büffet“ blinkte grün-grün-grün… die Außenlandschaft leuchtete in Violett. Sie ließ ihren Blick zum Ruhebecken wandern, ihr Fokus stellte auf einen einsamen Schwimmer scharf. Um ihn bildeten sich konzentrische, dunkelblaue Kreise. Sie ließ ihn ziehen, wandte sich einem Pärchen am Beckenrand zu. Es schien in tiefes Grün getaucht.  

Eine Duschkabine zog ihre Aufmerksamkeit an. Orange.
Von allen Seiten umströmte orangefarbenes Wasser einen Mann.

Sie tauchte tiefer in den Bademantel ab. Spähte flüchtig nach rechts und links.
Niemand schien etwas Auffälliges zu bemerken.

Sie zwinkerte. Der Mann stand nackt unter der Dusche, es bestand kein Zweifel.

Er drehte und wendete sich lustvoll den Massagedüsen zu, völlig selbstvergessen gab er sich den orangen Wasserstrahlen hin. Trotzdem hatte sie das unheimliche Gefühl, er inszenierte sein Treiben nur für sie, die heimliche Beobachterin. Entrüstet wandte sie ihren Blick ab. Nicht nur seinen stattlichen Bierbauch fand sie abstoßend – auch ihr unverständliches Interesse war ihr nicht geheuer, obwohl sie seine exhibitionistische Vorführung magisch anzog.

Flüchtig dachte sie an die Worte des Masseurs. An ihre aktivierten Energiezentren – was immer das heißen mochte - ... Es würde vorbei gehen, da war sie sich sicher!  

Sie stand auf und beschloss, Ablenkung im warmen Wasser zu finden. An der Dusche schlenderte sie betont desinteressiert vorbei. Sein leises Schnalzen, als sie in Hörweite an ihm vorbei ging, trieb ihr einen Anflug von Schamröte in die Wangen. Sein unverschämtes Grinsen nahm sie mehr als flüchtige Ahnung denn als Blick wahr. Entsetzt meinte sie, bereits bis zu dem Knien in Orange zu waten.
Schnell die Beine ins Wasser! Das war immer noch – wenn auch sehr intensiv -beruhigend blau. Die 34° fühlten sich auf ihrer erhitzten Haut, in ihrem erhitzten Gemüt an wie das Eismeer.

Sie schauderte.

Dann blickte sie über die Schulter zurück und traute kaum ihren Augen:

Aus der Dusche strömte noch immer ein Schwall von Orange, obwohl der Hahn längst geschlossen und der Mann verschwunden war. Der orange Strom breitete sich über den Fußboden, begann einzelne Liegen und die darauf Befindlichen einzuhüllen, und ergoss sich ins Wasserbecken. Skeptisch blickte sie sich um. Niemand außer ihr selbst schien diese Wahrnehmung zu machen. Die wenigen Menschen im Thermalbecken dösten völlig entspannt vor den Massagedüsen. Mit immer größerem Erstaunen folgte sie dem orangen Strom, der inzwischen die Treppen abwärts geglitten war, sich mit dem intensiven Blau des Wassers zu vereinigen schien und sich in ihre Richtung bewegte.

Mittlerweile stand sie bis zum Nabel im Wasser, sie setzte unaufhörlich einen Schritt nach dem anderen rückwärts… im vollen Bewusstsein, dass sie dem orangen Treiben nicht entkommen konnte.
Die warme Welle erfasste sie dennoch unvermittelt und überwältigend in ihrem Lustzentrum. Ein Ruck durchfuhr ihren Körper, als hätte ihr der unsittliche Unbekannte zwischen die Beine gefasst. Die Röte schoss aus ihren Wangen bis zum Brustansatz hinab, streifte ihre Brustwarzen. Sie schnappte nach Luft.

Mit dieser Unverschämtheit hatte sie nicht gerechnet!

Mit einem Hechtsprung tauchte sie kopfüber ins Wasser und floh vor der warmen Welle, die ihr – wie sie meinte – viel zu nahe getreten war.  

Das Orange hatte keine Eile.  

Sie schwamm vorbei an dem Pärchen, das sie zuvor noch in harmonischem Grün vereint gesehen hatte. War es denn nun die nähere Betrachtung der beiden? Zwar ließ die Wasseroberfläche – gleich einem Spiegel – keine unerwünschten Blicke in das Darunter zu. Dennoch spürte sie, ohne die verzückten Gesichter der beiden näher anzusehen, dass sein erigierter Schwanz an ihrem Bikinihöschen rieb, dass seine Fingerspitzen ihre Brustwarzen liebkosten.

Im Vorbeischwimmen meinte sie, orangen Dunst über den beiden wahrzunehmen…  

Flucht war angesagt, das spürte sie ganz deutlich. So tief war sie doch auch wieder nicht in die 39plus-Depression eingetaucht, dass sie überall den Lockruf der Hedonisten zu vernehmen schien?

Ein paar entspannende Massagen, ein kleines Gesichts-Peeling: schön und gut. Gegen diesen Genuss war nichts einzuwenden. Das war legitim für eine Karriere-Mutter-Haus-Frau wie sie…

Im Schwimmen rief sie sich mehr zur Zucht denn zur Ordnung und lenkte ihre Gedanken auf den begonnenen Rosamunde-Pilcher-Roman, der geduldig, zeitlos und alles-wie-nichts-versprechend auf ihrer Liege harrte.

Sie strebte dem Außenbecken zu, durchtauchte die Barriere und atmete befreiende, frische Luft ein. Sie blinzelte in eine verhangene Novembersonne, deren strahlendes Gelb auf der dampfenden Wasseroberfläche reflektierte. Mit schnellem Blick suchte sie Gewissheit, dass das unverschämte Orange ihre Verfolgung aufgegeben hatte...

Sonnengelb stieg aus dem Nebel auf – mehr konnte sie nicht erkennen.  

Dennoch beruhigt zog sie ein paar Kreise im Becken. Nebenbei registrierte sie, dass sich nur wenige Menschen im Freien befanden. Sie dösten vor den Massagedüsen oder schienen entspannenden Gedanken nachzuhängen. Allesamt ältere Jahrgänge - kein halb kopulierendes Pärchen würde ihre Hormone nun in Aufruhr versetzen!
Sie steuerte auf eine freie Massagezone zu – selbst ist die Frau - dachte sie zufrieden. Der massierende Robbie war bereits im Novembernebel verblasst, sie nahm auf einer Unterwasserstufe Platz. Sie tauchte bis zum Hals ab, legte den Kopf auf den Rand und gab sich dem harten Wasserstrahl an der Wirbelsäule hin. Zugegeben, der Strahl konnte den männlichen Händen in keiner Beziehung das Wasser reichen, aber dafür würde er ihr auch keine blamable Abfuhr erteilen. Ein stummer, williger und zudem kostenloser Diener ihrer Wellness...

Sie schloss die Augen und lauschte dem Sprudeln und Plätschern. Es tauchte aus dem Nichts hoch und drängte sich ebenso atem(be)raubend zwischen ihre Schenkel wie in der Halle.

Sie blinzelte empört – doch war ihre Entrüstung nicht mehr annähernd so widerständig. Vielmehr schmeichelte es ihr wie das ungestüme Werben eines Liebhabers - eines schmachtenden und zu allem bereiten Liebhabers - ähnlich diesen Typen, die geduldig und zwischen Buchseiten gezwängt auf ihrem Liegestuhl der Entblätterung harrten...  

Sie wollte sich nicht mehr zieren als ihr angemessen erschien. Deshalb ließ sich ihren Blick unauffällig im Kreis schweifen: außer einem Mann in einiger Entfernung – sie schätzte ihn in ihrem Alter – war niemand in ihrer Nähe. Soweit sie erkennen konnte,  hielt er die Augen geschlossen. Das bisschen Orange, das ihn umschwebte erregte ihren Verdacht nicht – zu sehr konzentrierte sich ihre Erregung bereits auf ihren unterirdischen Besucher.

Langsam öffnete sie ihre Beine. Das Kribbeln war nun überall: beginnend bei den Füßen, die Knie neckisch umspielend, die empfindsame Innenseite ihrer Oberschenkel entlang... sich hoch schmeichelnd, um sich dann in einem ungestümen Wirbel in ihrem Lustzentrum zu vereinigen. Staunend und mit kaum verhaltener Lust blickte sie auf die Wasseroberfläche vor sich, die das unterirdische Treiben vollkommen zu verbergen vermochte - einmal abgesehen von dem orange aufsteigenden Dampf...

Es verleitete sie, ihre Finger abwärts gleiten zu lassen, doch ein gewaltiger Sog zog ihre Hand zurück an die Wasseroberfläche. Nun gut – sie würde sich in ihr Wohlergehen ergeben und diese seltsame Energie gewähren lassen, ihre moralischen Bedenken waren schon längst fortgespült...
Sie drängte sich dem Strom entgegen, der weiter ihren Körper entlang aufstieg und ihre Brustwarzen so intensiv umkreiste, dass es ihr den Atem nahm. Sie atmete schwer und obwohl sie völlig auf sich selbst konzentriert war, nahm sie wahr, dass jemand sie ebenso lustvoll zu beobachten schien. Sie blinzelte in die Richtung, wo das Orange noch intensiver aufstieg als um sie selbst herum.

Er lächelte ihr zu.

Im Zusammentreffen ihrer Blicke spürte sie eine völlige Verschmelzung von Erregung und Lust. Sie hielt seinem Blick – seinem unverhohlenen Begehren - stand bis sie ein wohliger Schauer mit riss und sie das Aufbäumen ihres Körpers nicht unterdrücken konnte.

Erschöpft schloss sie die Augen. So wie sie aus dem Nichts aufgetaucht war, so verschwand die Überwältigung auch wieder… Sie starrte auf die ruhige, hellblaue und nun durchsichtige Wasseroberfläche. Nahm wieder den Massagestrahl an ihrem Rücken wahr, die gleichmütigen Schwimmer und den dösenden Mann am Beckenrand. Sie schüttelte ungläubig den Kopf.

Also alles nur ein Feuchttraum. Obwohl... sie spürte das leise Nachbeben zwischen ihren Schenkeln...

Sie seufzte und verließ ihren Platz, um in Richtung Halle zu schwimmen. Bevor sie hinein tauchen wollte, verspürte sie jedoch etwas in ihrem Rücken und drehte sich um.

Sie blickte in zwei lächelnde Augen, auf ein unverschämtes Grinsen und vernahm ein „Danke für alles!“

 

 Brigitta Mathes

© 2003 by Brigitta Mathes. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

   Zurück in die Bibliothek