Stop & go-go

   Die rote Bremsspur zieht sich über meine linke Wange. Die Schrecksekunde, in der ich gerade nicht auf den Vordermann aufgefahren bin. Ich hole ein Taschentuch hervor, um den Lippenstift dorthin zu begrenzen wo er hingehört: auf meinen Mund. Im ständigen stop&go vor der grünen Ampel habe ich das Rot übersehen. Und beinahe den VorderMANN. Ihn. Er verfolgt  meine routinierte Prozedur im Rückspiegel. Er beobachtet mich. Wie lange schon? Für ein flüchtiges Aufblicken war der Kontakt zu lange. 

   Zu intensiv. 
   Zu schamlos. 
   Also gut. Ich schlage die Augen nieder. 
   Konzentriere mich wieder auf meine Lippen. 
   Presse sie aneinander, reibe sie aufeinander. 
   Prüfender Augenaufschlag. 

   Er sieht mir zu. Völlig entspannt, lächelt. Mit den Augen. Ein Blick nach links - der Nachbar ist in seine Zeitung vertieft, ein Blick nach rechts - der sommersprossige Knabe drückt seine Nase an die Scheibe und schneidet Grimassen.
   Ich drehe den Lippenstift noch ein Stück heraus. Langsam. Millimeter um Millimeter. Geschmeidig gleitet er aus der Hülle. Seine Spitze glänzt feucht, klebrig. Ich fahre die Konturen meiner Lippen entlang. Ziehe die herzförmige Spur der Kerbe nach. Leuchtender wird das Signal. Rot. Ich benetze die Zunge, befeuchte die Lippen. 

   Zu intensiv?
   Zu schamlos?
   Forschender Augenaufschlag.

   Sein Arm auf der Beifahrerlehne. Er lächelt. Halb geschlossene Lider. Angespannte Züge um die Mundwinkel. Eine kleine Drehung mit dem Kopf. Sein Atem geht verhalten. Wie meiner. Im Auto ist es schwül, ich drehe die Lüftung eine Stufe weiter. Sein Fenster ist offen.
   Sein Kopf nach hinten geneigt, er beißt sich auf die Lippen. Das Vibrieren - schließt es nur uns beide ein? Nun bin ich es, die beobachtet. Wie zuvor er meine Hingabe an die paar Zentimeter Mund. Zuerst noch unbeabsichtigt, dann bewusst -  komm, du weißt doch genau, was bei mir abläuft! - lässt er mich teilhaben. 

   Zufällig mich. Die Unbekannte im Rückspiegel.

   Es ist mehr als der Gedanke, ihn - mich - bei etwas ertappt zu haben, das niemand um uns wahrzunehmen scheint. (Links die Zeitung. Unverändert. Rechts der Knabe. Nervt die kleine Schwester.) Ich ahne, dass er meine Phantasie auf etwas lenken will, das meinen Augen - noch - verborgen ist.
   Ist mehr als der Gedanke an die Bewegung , die Berührung, die er - ich - nicht ausführt. Es ist die zufällige Wahnwitzigkeit dieses Moments, der gerade die Rotphase einer morgendlichen Ampel umspannt. 

   Dieser Moment hat eigene Gesetze. Die Banalität eines schnellen Abenteuers kennt er nicht. 

   Der magische Moment endet, als ich - Blinker rechts - an ihm vorbei fahre. Noch schnell ein Lächeln  hinüber. Sein Beifahrer zündet sich soeben eine Zigarette an.  
  
 

Brigitta Mathes

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