Zuckerrübe x (Mokkawürfel)²
Wenn schneeweiße Zuckerwatte aus den Schloten der
Fabrik geschleudert wird, sich hoch über der Stadt auftürmt und vom
stürmischen Ostwind aufgeleckt wird, dann weißt du, es ist wieder
November und du ziehst deinen Schal enger. An Tagen, wo nicht nur
Nebel deine Glieder beschleicht, kriecht Melasse aus den
Schornsteinen. Zäh und klebrig und unaufhaltsam quillt sie über die
Ränder und setzt sich in deinen Lungen fest. Du atmest süßlich-morbiden
Geruch und er setzt sich in deiner Nase fest.
An manchen Tagen möchtest du Melasse aushusten, hervorwürgen,
erbrechen, hinaus schnäuzen. Es sind Tage, an denen du dich über den
Stau auf dem Zuckerrübenzubringer ärgerst. Traktoren und LKWs,
geduldig aufgereiht wie Vieh, das man zur Schlachtbank führt. Beladen
mit Bergen unförmiger, erdverkrusteter Rüben, warten sie Stunde um
Stunde auf die Einfahrt. Warum müssen sie gerade deinen Weg kreuzen,
wo du es doch eilig hast?
An manchen Tagen schnupperst du und es riecht dir köstlicher
als Punsch und Maroni auf dem Adventmarkt. Es sind Tage,
an denen du dich an deinem Espresso im Segafredo wärmst. New
York – Barcelona – Wien –Tulln. Mit spitzen Fingern lässt
du zwei Mokkawürfel versinken. Flüchtig wie die schneeweiße
Zuckerwatte erscheint dir das Gesicht des Bauern. Zerfurcht und die
Farbe der Rüben. Seit Stunden gebeugt über das Lenkrad, wartet er
auf ein paar Schilling für seine Rüben.
Brigitta Mathes
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